Es ist heiss.
Es ist heiss am Meer.
„Es ist nicht immer heiss am Meer“ denkt er. Aber jetzt ist es heiss.

Er spürt, daß es heiss ist, er könnte sogar die genaue Temperatur sagen, wenn er wollte. In Celsius und Fahrenheit. Aber er hat keine Assoziation zu dem Wort, keine Bindung an ein Gefühl, eine körperliche Sensation oder eine Erinnerung.

Entspannung, Schweiss, Sonnenbrand, Hitzschlag. Er kennt die Worte, könnte sie in alle Sprachen der Welt übersetzen.
Ferien, Erholung, Durst, Hölle.
Aber es gibt nichts in seinem Innern, daß bei diesen Worten resonierte. Er ist nicht überarbeitet, ihn dürstet nie, er kann nicht schwitzen. Er besitzt Organe, die ihm vermitteln, daß es heiss ist.

Er wandert den Strand entlang, sieht die mannigfaltigen Spuren seines Werkes.
Muschelschalen, Schneckenhäuser, Korallensplitter.
Kronenkorken, leere Fischdosen, Mikroplastik.

Eine angespülte Qualle. Katzendreck.
Eine Spur Ölfilm.

Oh, er war tätig gewesen, all die Jahrmillionen. Mit dem allerersten Funken ward er geboren, ihn seine Zeit leuchten zu lassen und dann sein Leuchten zu beenden. Gemäss des alten Gesetzes des Ausgleichs wurde er in die Pflicht genommen. Als dereinst das reine Sein beschloss, sich zu Leben aufzuschwingen, bedurfte es Seiner, diesem Leben die Grenze zu setzen, um es Leben sein zu lassen.

Als das Meer, damals noch reines brodelndes Chaos, Potenz ohne Richtung, niemals hinterfragte Ewigkeit, diese geheimnisvolle Struktur ausspie, da entstand er am anderen Rand der Realität, ganz nah.

„Es ist schön, wieder am Meer zu sein“ denkt er, was lächerlich ist für eine omnipräsente Entität, die keinen Begriff von „schön“ hat. Aber da er auch keinen Begriff von „lächerlich“ hat, rollt dieser Satz durch sein Bewusstsein, ungebremst, ungewichtet, unzensiert.
Es ist ein Menschensatz. Ah, die Menschen.
Faszinierende Wesen, deren Begrifflichkeit des Dualen der seinen an Komplexität unendlich voraus war.

Heiss-kalt, nass-trocken, Salzwasser-Süsswasser, Arbeit-Urlaub, in die Berge-ans Meer. Alles war bei ihnen Gegensatz, Treibstoff für ihre Emotionalität, Futter für ihre Dramen, Zentralgestirn ihres Denkkosmos.
Und wie sie ihn verehrt hatte, sein Werken, seine Existenz als solche. Er hatte es zur Kenntnis genommen. Mit einer Verwunderung, die Humor gebar.

Dienen hatten sie ihm wollen, ihm, dem Allmächtigen, Allsehenden, Allwissenden.
Und wie sie sich bemüht hatten. Nicht daß es einen Unterschied ausgemacht hätte.
Aber sie hatten sich bemüht. Redlich, wie man sagt.

Irgendwann waren sie soweit gewesen, alles Leben auszulöschen.

Das wiederum hätte auch seine Existenz beendet, dessen Sinn ja die des Gegenpols war. Er hätte die Balance verloren, ohne das ihn stützende Gewicht des Lebens, er wäre in das Nichts gefallen, das unseiende Sein, das leblos-todlose Ungrau.

Da hat er dann doch mal lieber korrigierend eingegriffen.
Es war nicht das erste Mal, daß er Milliarden derselben Funkenform auf einmal löschte, es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.
Noch sieht er ihre Spuren neben den mannigfaltigen seines Werkens.

„Es ist wieder schön am Meer“
Jetzt muss er doch grinsen.

„Und heiss“

Und zärtlich umspült das Meer kühlend seine bleichen Knochenfüsse, dankend.

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