Ich bin nicht stolz ein Deutscher zu sein.
Ich bin auch nicht nicht stolz ein Deutscher zu sein.
Ich bin Deutscher. Ich bin auch stolz. Hat bloß Beides wenig miteinander zu tun.
Ich bin Deutscher weil ich hier geboren und aufgewachsen bin.
Damit gehöre ich zu den Privilegierten paar Prozent der Weltbevölkerung die noch weitgehend freien Zugang zu Information, medizinischer Versorgung, Bildung und genug frischem Wasser haben.

Ich wurde aufgezogen in einer Atmosphäre von Brot, Milch, Zucker und Hänschen Klein. Das hat meinen Geschmack geprägt.

Ich lernte über Pünktlichkeit, Linearität und Gesetzmässigkeiten. Das hat mein Denken geprägt.

Ich erfuhr über Belohnung, Strafe, Sünde und Gewissen. Das hat mein Fühlen geprägt.

Wie jeden anderen in diesem Sprachbereich. In diese „Kultur“ die aus der Auseinandersetzung mit genannten Parametern besteht habe ich mich als Seele entschlossen hineingeboren zu werden. Faulheit? Albernteuerlust? Hab ich beim Inkarnieren vergessen. Mein einziger Beitrag zu dem Thema.

Und da bin ich. Deutscher.
Steht im Ausweis unter „Nationalität“.

Ich bin Weltmeister, ich war Papst.
Sauerkraut, Vorsprung durch Technik, Hitler, Kindergarten, Daimler.
PISA-Verlierer, Atari, Wiedervereinigung, Geburtenrückgang, Pegida, Adidas.

Finden Sie den Fehler.

Ich war im Kindergarten, ich habe auf dem Atari Musik gemacht und kein Kind geborhelft. Mit dem anderen Zeugs kann ich ziemlich wenig anfangen. Wenig zum stolz drauf sein, wenig zum für schämen, nichts aus meiner Werkstatt.

Ich bin Musiker. Ich kann Menschen in das Herz hinein fassen und sie zum Jubeln und Weinen und Tanzen bringen, ich kann Glück in Eimern ausgiessen nur durch Bewegungen in der Luft, die den Menschen in die Ohren dringen. Das ist Zauberei. Ich kann zaubern und ich habe das gelernt und ich habe viel dafür gearbeitet und entbehrt und gelitten und Ach. Nee, wirklich. Und da bin ich stolz drauf.

„Und was machst du so – Ich bin Musiker“. Scheißedickestolz bin ich.

Ich bin Capoeirista. Ich bin noch nicht wirklich gut, aber immer wieder gehe ich hin, zwänge meinen übergewichtigen Körper in sich dehnendes Weiß, laufe bis mein Asthma pfeift, bekomme Krämpfe in Muskeln die keinen Namen haben, weine vor Atemlosigkeit, schwitze Pfützen auf den Boden, die als Sicherheitsrisiko entfernt werden müssen, habe Spass, lerne Neues, falle hin, komme weiter, tu mir weh, verfeinere mein Können, bekomme Respekt, blicke danach endorphingetränkt lächelnd in die Welt.

„Machst Du echt Capoeira – Ja“. Umkleidestinkstolz bin ich.

Ich bin Mensch. Ich bin ein Liebender. Ich bin ein friedvoller Krieger. Ich schaue in mein Herz und es ist da und es lächelt zurück und ich spüre es. Und ich gehe mit diesem offenen Herzen durch diese Welt und manchmal wird es grobfahrlässig verletzt und dann braucht es Schutz und Heilung und Rückzug und nach einer Weile steht es gestärkt von seinem Lager auf und dann mache ich wieder mein Hemd auf und lasse den Wind der Welt wieder hineinwehen. Ich lasse mir von einer zum kleinsten Teil feindlichen Welt verfickt nochmal nicht vorschreiben wie offen ich durch sie schreite.

Ich bin nämlich stolz.

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